Friday, August 24, 2012

Expat Author Interview mit Marcus Speh -- Die Deutsche Version


Marcus Speh Birkenkrahe
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Marcus Speh Birkenkrahe ist ein deutscher Schriftsteller, der hauptsächlich in der englischen Sprache schreibt, aber seine deutschen Kurzgeschichten und Essays kann man HIER lesen. Der Autor lebt in Berlin mit seiner Frau, die Künstlerin Carlye Birkenkrahe und deren Tochter Taffimai Mettallumai.

Folgendes Gespräch ist Teil eines zweiteiligen Interviews. Der erste Teil ist HIER auf Englisch. 

IMBO: Willkommen bei I Must Be Off!, Marcus! Endlich mal! Wie lange hast Du in London gelebt? Auch in Italien, Neuseeland, Argentinien und USA? Was hat dich dorthin getrieben? Die grosse Liebe, gel?


Speh: Ah, hier darf ich reden wie mir der Schnabel wirklich gewachsen ist! Ich habe neun Jahre in London gelebt; einige Jahre in Italien (eigentlich in München, aber wir hatten ein Apartment in Trieste und verbrachten so viel Zeit dort wie möglich); ein Jahr in Neuseeland (auf der Suche nach…etwas ganz anderem); und ein halbes Jahr in Argentinien. Ich bin immer den Frauen hinterhergelaufen. Obwohl ich, wenn ich tiefer schürfe, immer ein nomadischer Typ war. Das hat sich erst in den letzten paar Jahren gelegt, seitdem ich alle verfügbare Energie ins Schreiben investiere, reise ich ungern, besonders ungern ohne meine Familie. Die meisten unserer Verwandten leben allerdings in den USA, deshalb werden wir auch weiterhin das Land verlassen (müssen und wollen).


IMBO: Ich möchte langsam über’s Schreiben reden, aber zuerst muss ich fragen--was ich schon immer fragen wollte--woher Du deine Energie hollst. Darf ich ein bischen davon abzapfen? Vielleicht abbeissen?


Marcus Speh Birkenkrahe, Bild von Taffimai Metallumai
Speh: Das klingt als ob Du nicht nur das Absolute Interview, die Große Amerikanisch-Deutsche Begegnung erwartest, den letztgültigen Dialog zwischen Nationen, Kulturen und Schriftstellern, sondern auch noch die Lösung des weltweiten Energieproblems...bin nicht sicher, was ich von dem “will nur mal abbeissen” halten soll: als ich sechs Jahre alt war, wollte ein Mädchen “nur mal abbeissen” und ich war gleich für den Rest meines Lebens traumatisiert. Aber ich nehme an, dass Du es freundlich mit mir meinst. — Zu Deiner Frage: ich habe immer viel Kraft auf meinen Wandel verwendet (man könnte auch Karriere sagen, aber das wird meinen Seitenbewegungen nicht gerecht), und wenn ich an etwas glaube, wie in diesem Fall an die Schriftstellerei, dann finde ich immer neue, unvermutete Ressourcen. Hierüber zu sprechen ist schwer—Deutsch ist keine Sprache, in der sich leicht über Erfolg sprechen lässt. “Single-minded pursuit of success” kommt mir in den Sinn, d.h. auf Deutsch sinngemäß “Unbeirrbares Streben nach Erfolg” und hat für mein Ohr gleich etwas von V-erfolg-ungswahn...Die tiefe, gleichbleibende  Quelle meiner Energie ist ganz einfach meine Familie und ihre Liebe, die mich trägt wie ein fühlender, denkender Ozean (was mich an Lems “Solaris” erinnert). Das großartige an menschlicher Gemeinschaft ist, dass man drin steckt und zugleich getragen wird; dass man Energie hineinsteckt und man Energie entnehmen kann (nicht immer zur selben Zeit). Energie kommt auch von meinen anderen Tätigkeiten — als Dozent und Wissenschaftler beispielsweise — obwohl ich während des Semester stöhne, weil ich dort natürlich auch viel Kraft investieren muss.

IMBO: Hast Du erst in London angefangen auf englisch zu schreiben, oder früher? Gibt es zwei verschiedene Marcus Speh Birkenkrähe (ist das überhaupt der Mehrzahl von Birkenkrahe?) — einen Marcus wenn Du auf englisch schreibst und einen auf deutsch? Schließen verschiedene Sprachen auch verschiedene Türen auf?

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"Wenn man zweisprachig ist, kann man immer (mindestens) zwei Meinungen zu einem Thema haben."


Speh: Wenn man zweisprachig ist, kann man immer (mindestens) zwei Meinungen zu einem Thema haben. Ich kann hier also ganz anders antworten als sonst: ich schreibe schon lange auf Englisch. Ende der 90er Jahre war ich mal in London in einer Dichtergruppe: dort habe ich einige meiner (englischsprachigen) Gedichte vorgelesen; die waren sauschlecht und die Reaktion der Gruppe war entsprechend. Dann habe ich Englisch wieder eingepackt bis wir in Neuseeland waren: dort schrieb ich einen schlechten Roman ganz auf Englisch. Ich habe aber immer noch Anfälle von schlechtem Gewissen, in denen ich denke: «Ich muss doch Deutsch schreiben!» Obwohl ich dadurch, dass ich auf Englisch schreibe, dem Wettbewerb mit meinem Vater aus dem Wege gehe, und das ist für einen Sohn eine wichtige Sache. Mein Vater schrieb nämlich nur auf Deutsch. Selten schreibe ich allerdings auch im Original auf Deutsch (hier sind einige Beispiele) — Zur Frage des Plurals: der Name «Birkenkrahe» hatte ursprünglich einen Umlaut, der aber in der US-Botschaft in London verlorenging. Komplizierte Geschichte…

IMBO: Ich möchte so gern diese Geschichte hören. Gibt es eine Kurzversion? Ist dieses Geschehen vielleicht Stoff für einen Roman?

Marcus Speh Birkenkrahe
Speh: Die kurze Version habe ich schon in einem Interview für GALO Magazine wiedergegeben. Aber hier gerne noch einmal auf Deutsch: Birkenkrahe ist komplett erfunden. Wir sind die einzigen dieses Namens. Die “Birke” ist mein indianisches Baumtotem; die “Krähe” ist das indianische Tiertotem meiner Frau. In England, wo wir lange lebten, kann man seinen Namen ändern wie man will, während in Deutschland der Name dem Staat gehört, d.h. man muss fragen bevor man ihn offiziell ändern kann (und auch dann braucht man gute Gründe). Wir haben den Namen meiner Frau zuerst geändert—dabei hat die amerikanische Botschaft den Umlaut “ä” verloren. Ich habe dann bei der Heirat den neuen Namen angenommen. Mein Autorenname, “Speh”, ist mein Vaters- oder Geburtsname. Stoff genug für den kürzesten und langweiligsten Roman, der jemals geschrieben wurde...

IMBO: Du bist aber wieder in Deutschland zuhause, oder? Wie ist es, wenn man heimkehrt?

Speh: ich war vor kurzem in Hamburg, wo ich aufwuchs. Hamburg ist eine Stadt im Norden Deutschland, die zur Selbstüberschätzung neigt, was einen angenehmen Unterschied zu vielen anderen Städten macht, denn die deutsche Stadt, und vielleicht der Deutsche selbst, neigt dazu, sich zu unterschätzen. Vielleicht liegt es daran, dass Momente der Selbstüberschätzung historisch letzthin zu Katastrophen geführt haben? — Aber hier geht es schon los: siehst Du, wie leicht ich ins Philosophieren abgleite? Deshalb muss ich mich dafür hüten, auf Deutsch zu schreiben. Ich würde schon sagen, dass ich hier zu Hause bin. Für die meisten Deutschen ist das eigene Haus (oder, in meine Fall: die eigene Wohnung) sehr wichtig: unsere Wohnung ist wie ein großer, mit Luft und Liebe gefüllter Kokon. Unsere Tochter wird hier dereinst ausschlüpfen, und meine Frau und ich werden uns ebenfalls zu Schmetterlingen wandeln auf unseren verschiedenen kreativen Wegen. Die Rückkehr nach Deutschland hat uns Sicherheit gegeben; auch ganz praktisch: ich bin jetzt Beamter, sicherer geht es gar nicht; aber sie hat auch etwas Beschwerliches, und wir spüren regelmäßig den Zug in die Fremde, dem wir irgendwann auch nachgeben werden. Ob ich dann wieder zurückkehren werde, weiß ich nicht. Deutschland hat sich in den zehn Jahren meiner Abwesenheit sehr stark verändert: fast hätte ich es nicht wiedererkannt. Wenn ich als alter Mann noch einmal länger fortgehe, entfernt es sich vielleicht noch schneller von meiner Vorstellung. Ich habe vor Kurzem in einem Interview für PANK, ein amerikanisches Magazin, von meiner Obsession mit “verlorenen Welten” gesprochen.

IMBO: Marcus, es war mir eine Freude, mit dir über Gott und verlorene Welten zu reden. Unser kleines Experiment is also gelungen. Verschiedene Sprachen öffnen verschiedene Türen. Ich wünsche dir alles Gute. Das nächste Mal, dass ich in Berlin bin geht das Frühstück auf meine Rechnung.
 
Ich bin mal weg (I must be off),
Christopher

Christopher Allen is the author of the absurdist satire Conversations with S. Teri O'Type
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Cover Art von Carlye Birkenkrahe
Die erste Kurzgeschichtensammlung (in der englischen Sprache) von Marcus Speh Birkenkrahe wird mit grosser Spannung Ende 2012 erwartet.  Mehr infos HIER.

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